Historisches vom Flugfeld

Böblinger Katastrophe beendet Flugakrobatik

Vor 80 Jahren starben vier Flieger bei laufender Kamera

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    Die Flugzeuge haben sich verhakt, an der Leiter hängt Akrobat Schindler, die Klemm dahinter filmt die Tragödie Fotos: Böblinger Flughafengeschichten
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    Fritz Schindler und Hedy Schumann: Das Paar wollte kurz nach dem Unglückstag heiraten

Artikel vom 17. September 2010

BÖBLINGEN. Am 18. September vor 80 Jahren machte Böblingen unfreiwillig Schlagzeilen: Vier Menschen starben, als der Luftakrobat Fritz Schindler im Flug von einer Maschine mit einer Leiter in die andere steigen wollte. Dieses tragische Unglück beendete das Treiben der Luftakrobaten bei Flugtagen - die Kunststücke wurden verboten.

Eigentlich war schon der Test, den Fritz Schindler an diesem 18. September in Böblingen durchführte, nicht legal. Doch vor dem Flugtag in Cannstatt wollte der Pilot seine waghalsige Nummer ausprobieren. Und so stiegen der Udet Flamingo-Doppeldecker mit Pilot Walter Spengler und Schindler an Bord und eine Klemm L 26 mit Gustav Engwer und Leopold Hagenmeyer auf circa 400 Meter Höhe. Begleitet von einer weiteren Klemm mit einem Kameramann an Bord. Anstelle des Klemm-Werkspiloten Hagenmeyer sollte eigentlich sein Kollege Richard Perlia die Maschine lenken. Doch der hatte sich laut seiner eigenen Lebenserinnerungen "in der Zeit vertan" und saß im "Bären" beim Essen. So wurde er nur Zeuge des Grauens. In seiner Biographie "Mal oben - mal unten" beschreibt er den Unfall. Zweimal habe Schindler vergeblich versucht, die an der Klemm befestigte Leiter zu fassen, beim dritten Versuch klappte es. "Durch Schindlers Umsteigemanöver gab es eine Gewichtsverlagerung. Die untere Maschine wurde leichter, die obere schwerer und daher nach unten gezogen. . . . Die Flugzeuge berührten sich und die Propeller schlugen ineinander, Metallteile regneten zu Boden."

Schindler durchschlug das Dach der Optima-Fabrik an der Straße nach Sindelfingen, die Besatzungen der Flieger konnten sich auch mit dem Fallschirm nicht retten, weil die Flugzeuge sie mit nach unten rissen. Alle waren auf der Stelle tot. Ob nun tatsächlich die Gewichtsverlagerung der Grund für den Absturz war oder eine Böe die Flugzeuge erfasste, wie damals geschrieben wurde, ließ sich nicht mehr klären. Dokumentiert ist aber, dass zur Beerdigung der Opfer 6000 bis 8000 Menschen nach Böblingen kamen. Besonders tragisch: Hagenmeyer war erst kurz verheiratet, Schindler wollte die Fallschirmspringerin Hedy Schumann wenig später zum Traualtar führen. Stattdessen nahm sie auf dem Friedhof am Herdweg, wo noch heute die Grabmäler sind, die Kondolenzgrüße entgegen.

Heute, 80 Jahre nach dem Unglück, gibt es eine digital restaurierte Fassung des Films, der den Absturz dokumentiert. Wilfried Kapp, Reinhard Knoblich und Hans-Jürgen Sostmann, die sich intensiv um die Historie des Flughafens kümmern, haben von der Böblinger Kinobesitzer-Familie Bauer die Erlaubnis bekommen, den Streifen nicht kommerziell vorführen zu dürfen. Und dieses werden die drei Hobby-Historiker am Samstag, 20. November, in der Zehntscheuer im Rahmen der nächsten Ausstellung des Stadtmuseums tun. Doch damit nicht genug. Auf e-bay hat Knoblich fünf Bilder von Schindler ersteigert. "Wir waren in allen Archiven", macht Kapp deutlich, dass sie noch viel mehr Schätze gehoben haben. Natürlich nicht nur zu dem Unglück, sondern zur gesamten Historie der Fliegerstadt Böblingen. So zum Beispiel gestochen scharfe Fotos von Piloten, die diese beim Anflug auf Böblingen 1918 gemacht hatten. Zudem haben sie recherchiert, dass 14 von 120 in Böblingen abgestürzte Flieger hier begraben liegen. Auch um die Geschichte der Schwäbischen Hüttenwerke, die sich hier zu Beginn der 20er Jahre niederließen, kümmern sie sich.

Nur eines ist ihnen nicht gelungen: Zum Jahrestag des Absturzes Richar Perlia noch einmal nach Böblingen zu bekommen. Der 105-Jährige wohnt in Berlin, ist inzwischen aber zu gebrechlich - hat also nicht nur die Böblinger Katastrophe überlebt.

Die Arbeit der drei Böblinger lässt sich im Internet unter flughafenbb.wordpress.com verfolgen. Für Gruppen halten sie auch Vorträge.